Das erste Buch Mose: gut, genau, gründlich – auch für Laien?


Jan Christian Gert ist Professor für Altes Testament in Heidelberg, ein Kenner der Materie, und dies ist auch nötig, will man einen Kommentar über die Urgeschichte (Gen 1-11) schreiben, der lediglich 350 Seiten lang ist. Denn diese ersten Kapitel der Bibel haben es in sich, kommt dort doch nichts Geringeres vor als die Schöpfung, der Sündenfall, der Brudermord, die Sintflut und der Turmbau von Babel – um bloss die wichtigsten Geschichten zu nennen. Entsprechend umfangreich ist die Forschungsliteratur, mit der sich ein Kommentator zu beschäftigen hat. 

Gertz ist dies erfreulich gut gelungen: Man hat nie den Eindruck, er unterschlage anderslautende Meinungen, sondern weiss sich stets gut informiert und hat den Eindruck, die Forschungsgeschichte knapp, aber kompakt mitbekommen zu haben. Besonders hervorzuheben ist dabei die Einleitung in die Entstehungsgeschichte der Urgeschichte. Seit langem ist bekannt und unbestritten, dass hier verschiedene Quellen zu Wort kommen, wie sie jedoch gegeneinander abzugrenzen sind oder wer sie wann zusammengearbeitet hat, das sind zentrale Fragen, an deren Beantwortung sich die Experten zur Zeit einmal mehr die Zähne ausbeissen. Gertz stellt die Forschungslage dar, begründet seine Entscheidung und wägt die Tauglichkeit der Alternativen ab. Und dies auf sehr faire Weise, was angesichts der Meinungsverschiedenheiten unter den Gelehrten nicht selbstverständlich ist.

Die Kommentierung folgt einem bekannten und konsequenten Muster: Übersetzung, Kontextbezug, Aufbau, Entstehung und dann die Versanalyse. Dabei wird auf kleinem Raum viel gesagt, Gertz scheint ein Meister der Verdichtung zu sein, so dass sich der Leser in einem flotten Tempo alles aneignen kann, was es an Wissenswertem zum Text gibt, ohne dabei überfüttert oder gelangweilt zu werden. Das wird den Studenten ebenso erfreuen wie den Forscher und den Pastor, deren Zeit für die Lektüre quasi per Naturgesetz begrenzt ist. Es sei noch einmal gesagt: Man hat nie den Eindruck, es fehle etwas oder es werde eine Frage zu wenig oder gar nicht behandelt. Ein erstes Merkmal dieses Kommentars.

In der Einzelanalyse der Verse bzw. der Texte kommt dem hebräischen Urtext grosses Gewicht zu, und gleichzeitig verarbeitet Gertz Texte früherer, benachbarter Kulturen und versucht zu erörtern, inwiefern sie zur Gestaltung der biblischen Geschichte beigetragen haben. Auch hier lässt er grösste Sorgfalt walten und bleibt zurückhaltend mit eindeutigen Urteilen und Zuschreibungen. Dasselbe gilt für die Wirkungsgeschichte der Texte in der jüdischen oder der christlichen Tradition. Auch dies ein Faden und ein zweites Merkmal, der sich verdankenswerterweise durch den ganzen Kommentar zieht.

Gibt es an diesem modernen, genauen und gründlichen Werk auch etwas zu kritisieren? Man könnte, wenn man wollte, zwei Dinge benennen: Zum einen ist das Buch, auch wenn es auf hebräische Schriftzeichen verzichtet und lesbar wäre für alle Lesenden, trotz allem ein Fachbuch, für dessen Verständnis ein Theologiestudium von Vorteil ist – wenn nicht gar von Nöten. Ob Laien solche theologische Dichte verstehen, bleibt fraglich. Eigentlich war die Reihe «Altes Testament Deutsch» ursprünglich nicht nur, aber eben auch für solche Leser gedacht, mit den Jahren aber zu einer Fachreihe geworden, die eher selten Leser ausserhalb der eigenen Zunft findet. Zum anderen, und das hängt wohl mit dem ersten zusammen, konzentriert sich der Kommentar auf die historische und die theologische Ebene, und das wird dem Text und seiner Entstehungsgeschichte gerecht. Wer jedoch praktische oder spirituelle Impulse zur Urgeschichte sucht, wird nur ab und an fündig. Das ist nicht seine Stärke, allerdings auch nicht sein Konzept. Darf man das tadeln? Vielleicht ein wenig, denn Theologie hat immer auch mit dem Menschen in seiner existentiellen Situation zu tun, und gerade die Urgeschichte handelt im Grunde genommen ja ausschliesslich davon. Ganz nahe beim Text zu bleiben ist eine theologische Tugend; wenn sich diese Nähe jedoch als Abschottung oder gar Flucht vor der Frage nach der Gegenwartsrelevanz entpuppt, wird sie zum theologischen Klotz, der das Bein hindert, den Weg zum Menschen zu finden. 

Jan Christian Gertz: Das erste Buch Mose (Genesis): Die Urgeschichte Gen 1-11. Das Alte Testament Deutsch / Neues Göttinger Bibelwerk, Band 1, Vandenhoeck & Ruprecht 2018, 348 Seiten. ISBN 978-3525570555

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