Der Pfarrer
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Begegnungen mit dem Mann hinter dem Bart
Und wer in der Stadt Zürich mit Randständigen zu tun hat, der weiss, dass sie ihn alle kennen – und er sie. Keiner wüsste nicht eine Geschichte zum besten zu geben, keinem hätte er nicht schon geholfen.„De Pfarrer“ ist eben mehr als nur ein Pfarrer, er ist das offene Herz von Zürich. Selbst mir, Pfarrer einer kleinen Methodistenkirche im Kreis 4, hat der Ernst einmal telefoniert. Nicht, dass wir uns gut kennten, wir sind lediglich etwas bekannt, aber er brauchte für einen Gedenk- oder Protestgottesdienst (und bei Sieber fällt beides ja oft zusammen) dringend jemanden, der ein paar Worte sagt, allerdings so kurz vorher, dass mein Termin schon verbucht war. Ich habe seither nichts mehr gehört und nehme an, er habe jemanden gefunden...Solche Geschichten sind typisch für Sieber, spontan muss man sein, wenn man mit ihm mithalten will, flexibel, allzeit bereit! Solche Begegnungen haben immer den Charakter von Anekdoten, Geschichten – irgendwann werden es Legenden sein.Solchen Geschichten ist Daniel Schütz nachgegangen, weil er keine Bographie schreiben, sondern Begegnungen festhalten wollte. Auslöser dieses Buches sind persönliche Erlebnisse mit Ernst Sieber, beim Verfassen eines Buches über eine junge Frau, die ihr Leben im Suizid beendete und deren Abdankung Ernst Sieber geleitet hat.Aber auch, so muss man annehmen, diese kursiv gedruckte Geschichte, aufgeteilt über das ganze Buch, in der vom Sterben der Mutter erzählt wird – es wird wohl die eigene gewesen sein. Und obwohl Sieber zu spät ins Spital kam, war er doch da, noch immer zur rechten Zeit.Und so ist aus persönlicher Betroffenheit ein Panoptikum über ein halbes Jahrhundert Kirchen-, Sozial- und Politikgeschichte entstanden, denn was Ernst Sieber auch immer an die Hand nimmt, hat immer kirchlichen, sozialen und eminent politischen Charakter.Es kommen Menschen zu Wort, die man kennt, Politiker, Kirchenmänner, Medienschaffende, und solche, die kein Gesicht haben, keinen Namen, aber eine Geschichte mit „em Pfarrer“.Paul Wellauer etwa, selbst Pfarrer in Altstetten, wo schon Sieber amtete und heute Präsident der Sieber-Werke, erzählt, wie er in den 90er Jahren als junger Student mit Sieber für ausstiegswillige Drogensüchtige die Aktion „Betten statt Letten“ konzipierte und leitete. Wellauer ist ein Mann, der Sieber gut kennt, und seine Worte der Bewunderung, aber auch der Kritik fallen ins Gewicht.Georg Schellenberg, SVP-Gemeindepräsident der Gemeinde, in der die Drogensüchtigen damals Unterschlupf fanden, erinnert sich nur zu gut an den bärtigen Pfarrer mit dem grossen Herzen, der in ihm den Politiker geweckt hat, der nicht nur für das Wohl seiner Gemeinde, sondern aller Bürger dieses Landes wirkt. Und wie er dann auch bitter enttäuscht wurde, als Sieber sich nicht an die Abmachungen hielt. Trotzdem: Sein Fazit, seine Geschichte mit Sieber ist voll des Lobes.Und selbst René Staubli, der als Journalist der Sonntagszeitung den Finanzskandal der Sieberwerke aufgedeckt hat und so zum Intimfeind von Sieber avanciert ist, schlägt milde und manchmal sogar wohlwollende Töne an – auch er, selbst er! Tochter Ilona erzählt, Kirchenratspräsident Ruedi Reich, Hans Rudolf Nebiker, Nationalratspräsident zur Zeit von Siebers Berner Abenteuer, Andrea, eine junge Frau aus dem Milieu, die von Sieber immer wieder aufgelesen worden ist und viele andere.Daniel Schütz schreibt keine Interviews, sondern macht aus den Geschichten neue Geschichten, und das macht die Berichte zur leichten, aber spannenden Lektüre. Schütz ist Journalist bei der „Schweizer Familie“, und so erstaunt sein „Home-Story“ – Stil kaum.Und vielleicht wird er so Ernst Sieber eher gerecht als mit einer trockenen Biographie oder gar einer theoretischen Analyse zum sozial-diakonischen Lebenswerk E. Siebers unter besonderer Berücksichtigung der politischen Verhältnisse.Eines aber bleibt auch nach so vielen Geschichten offen: Wer ist er denn wirklich, „de Pfarrer“? Wer ist der Mann hinter der Arbeit, wie sieht das Gesicht ohne Bart aus, wer ist der Ernst vor dem Sieber?Ein Mann mit vielen Rollen, ambivalent, begeisternd, abschreckend, faszinierend und überfordernd – und wer ist er wirklich? Ist dieses Buch eine Offenbarung des „wahren Siebers“, oder eine weitere seiner Rollen, seiner Auftritte? Wir wissen es nicht...








