Paul Gerhardt. Weg - Werk - Wirkung
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Lieder mit Tiefgang
Der Untertitel („Weg – Werk – Wirkung“) weist bereits auf Aufbau und Inhalt: Ein erster Teil ist der Biographie Gerhardts gewidmet, die sich allerdings aus vielen kleinen und weitverstreuten Informationen zusammensetzt, denn über das Leben des grossen Dichters und Musikers ist ganz wenig bekannt, so dass es weitgehend rekonstruiert und mutmasslich ergänzt werden muss. Dass er lutherischer Pfarrer war, an verschiedenen Stationen gewirkt hat, des Amtes enthoben und später wieder eingesetzt worden ist, gilt als gesichert. Alles andere ist detektivische Feinstarbeit. Trotzdem gelingt es Bunners, ein farbiges und eindrückliches Bild der Zeit zu malen: Einer Zeit, die von der totalen Zerstörungswut des 30jährigen Krieges beherrscht war, von absolutistischer Macht der Obrigkeit, von konfessionellen Auseinandersetzung und kirchlichen Ab- und Ausgrenzungen. Dabei ist nicht einfach nur von der grossen Politik die Rede, auch die sozialen Fragen werden beleuchtet, und an Einzelbeispielen (zB. der Schwester oder der Ehefrau Gerhardts) kommt das ganz persönliche Schicksal von Menschen im 17. Jahrhundert zur Sprache. Im zweiten Teil beleuchtet Bunners das Schaffen des Dichters, indem er verschiedene Themenkreise bestimmt, in die hinein er das Werk stellt. Da eine Chronologie der Lieder aufgrund der oft fehlenden Datierung nicht möglich ist, bietet sich eine solche Darstellung an. Zur Sprache kommen Themen wie „Advent und Weihnachten“, „Freundschaft, Liebe, Ehe“, „Gut der Armen“, „Passion“, „Kriege, Krisen und Kometen“ uvam. Bunners Verdienst ist es, dass er im Vergleich zu anderen Autoren die Lieder nicht einfach nur bespricht, sondern sie interpretiert und in einen historischen, sozialen, theologischen und mentalitätsgeschichtlichen Zusammenhang stellt. Es entsteht so eine übersichtliche Gesamtdeutung, die ohne Zweifel den Titel „Standartwerk“ verdient. Der dritte Teil widmet sich der Wirkung Gerhardts. Werkausgaben, Gerhardtlieder in verschiedenen evangelischen Gesangbüchern, Worte von Dichtern über den Dichter, Gerhardt und Bonhoeffer, Lao-Tse, Buddha, Bach uam. sind Themen, und sie berichten eindrücklich von der Breitenwirkung Gerhardts über die Jahrhunderte hinweg. Den Schluss bilden verschiedene Anhänge, von denen der wichtigste das Liederverzeichnis ist, das dem Leser erlaubt, zu jedem Lied die entsprechenden Abschnitte im Buch zu finden. So ist es dem Pfarrer ein einfaches, für die Predigt am Sonntag noch etwas Zusatzinformation einzuholen, der Musikbegeisterte wird seine Fragen einfach klären können, und wer im Gottesdienst seine Liebe zu Gerhardt neu entdeckt hat, wird mit viel Hintergrundwissen ausgestattet. Fazit: Das Buch ist, obwohl sachlich auf höchstem Niveau, gut, einfach und unterhaltsam zu lesen, es führt den Leser in die Zeit vor 400 Jahren und zurück, und es vertieft die in so vielerlei Hinsicht schon so tiefen Lieder nochmals. Und das ist, man muss es sagen, eine grosse Leistung!








