Evangelisch-Katholischer Kommentar zum Neuen Testament, EKK, Bd.16, Der zweite Brief an Timotheus


Ein weggweisend ökumenischer Kommentar zur Situation der Kirchen

Weiser lässt selbstverständlich keinen Zweifel an der Frage der Verfasserschaft: 2Tim ist kein Werk des Paulus selbst, sondern der Paulusschule, die sich (wohl) in Ephesus niedergelassen hat. 2Tim kennt nach Weiser sowohl die schriftliche, wie auch die mündliche Hinterlassenschaft des Meisters, vielleicht sogar aus persönlicher Bekanntschaft, und arbeitet damit an der Fortsetzung paulinischer Theologie in einer Zeit, als ekklesiologische Fragen zum Alltag der Kirche in den Vordergrund drängen. Weisers Einleitung in das historische Umfeld des Briefes ist klar, eindeutig und überzeugend – wer sich gut und überschaubar informieren will, liegt hier richtig. Der Aufbau des Kommentars orientiert sich an der Vorgabe der Reihe: Übersetzung, Analyse, Erklärung. Allerdings wird hier nicht jeder Abschnitt einzeln auf seine Rezeptionsgeschichte hin befragt, vielmehr werden in 6 grossen Exkursen die wichtigsten Themen behandelt. Und diese Exkurse bilden den Kern des Kommentars, denn sie behandeln die kirchlichen Fragen, die sich zu Beginn des 2. Jahrhunderts gestellt haben, als die christliche Bewegung zur Kirche wurde. Hier ist die Weiterarbeit an der paulinischen Tradition in veränderter Situation sichtbar, und interessanterweise sind diese Fragen mit wenigen Ausnahmen genau diejenigen, die auch heute noch in der Kirche verhandelt werden: Amt und Autorität, Frauenbeteiligung, wahre Lehre und Häresie, ... . Prägnant und unpolemisch stellt Weiser diese Fragen dar, zeigt Entwicklungen auf und liefert Antworten. Er vermag mit seiner unprätentiösen Art auch hartnäckigen Evangelischen den katholischen Hintergrund nahe zu bringen und fördert so das gegenseitige Verständnis, aber er nimmt auch kein Blatt vor den Mund, wenn es darum geht, die Sache des Evangeliums dort konsequent zu vertreten, wo Rom oder Wittenberg die Weichen anders gestellt haben. So bestimmt Weiser etwa die Amtsautorität aus der Autorität des Wortes, das das Amt verkündigt, und nicht aus der apostolischen Weihe, die sich auf Petrus beruft, oder er nimmt pointiert Stellung für das weibliche Priestertum, weil es der Sache der Kirche dient, nämlich dem Leben der Gemeinde, das Wort und Sakrament benötigt. Das ist keine reformatorische Aussage gegen die katholische Kirche, sondern eine katholische Aussage, die sich aus ntl. Sicht leidenschaftlich der Aufgabe der Kirche selbst und damit eben auch der katholischen Kirche annimmt. Und so gelingt es Weiser, einen echten ökumenischen Kommentar zu schreiben, der beide Seiten einander näher und die Diskussion miteinander weiterbringt. Damit ereignet sich einmal mehr, womit der heilige Paulus selbst begonnen hat: Tradition und Glaube werden in die Gegenwart hinein aktualisiert, damit die Wahrheit des Wortes Gottes nicht historisch vereinnahmt, sondern systematisch befreit wird und so hermeneutisch an sein Ziel kommt: Anspruch und Zuspruch im, für und manchmal auch gegen das Jetzt zu sein.