Das eigene Sterben. Auf der Suche nach einer neuen Lebenskunst

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Autor: Heinz Rüegger
Publisher: Vandenhoeck & Ruprecht (2006)
Binding: Taschenbuch, 128 pages

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Sterben lernt, wer leben lernt.

Es thematisiert das Sterben, aber nicht abstrakt im Sinne des Sterbens der anderen, sondern das jeweils eigene Sterben. Und es fragt, weshalb es gerade in unserer hochzivilisierten westlichen Welt zu einer völligen Marginalisierung des Todes gekommen ist: Nicht mehr mitten im Leben, sondern erst ganz am Ende, nicht mehr in aller Munde, sondern tabuisiert, nicht mehr zu Hause, sondern in hochprofessionellen, aber klinisch-kalten Institutionen. Unser horrender medialer Todeskonsum ist offenbar nichts anderes als die Delegierung des Sterbens an die anderen, als ob es uns gar nicht beträfe. Jugendlichkeitswahnsinn, Anti-Aging-Therapien, Sterbehilfediskussionen machen deutlich, dass wir der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Sterben und dem Tod ausweichen und uns stattdessen der Illusion hingeben, wir stürben nie – oder jedenfalls nur ganz selbstbestimmt. Dass das nicht der Fall ist, beweist jeder Besuch in einem Alters- oder Pflegeheim. Rüegger analysiert die Gegenwart scharf und klar, er fragt nach der kulturellen Entwicklung, vergleicht verschiedene Todesvorstellungen und postuliert eine Kehrtwende: Nicht das Verdrängen der eigenen Todesrealität hilft uns, den letzten Schritt getrost zu wagen, sondern das Einüben einer neuen Lebenskunst. Lebenskunst würde heissen, das Leben in seinem Facettenreichtum, seiner Fülle, aber auch in seiner Vergänglichkeit intensiv wahrzunehmen und zu leben, bis wir so lebenssatt sind, dass wir den Durchgang durch den dunklen Vorhang des Todes hinein in das nächste Leben bewusst und ohne Angst gehen können. Lebenssatt ist nach Rüegger jedoch nicht lebensmüde, sondern erfüllt und gesättigt von den guten, den schönen und auch den schweren Seiten des Lebens. Und wer gut und satt gelebt hat, ohne einfach nur oberflächlich überfüllt zu sein, der wird auch leichter sterben können, weil er weiss, dass auch der Tod zur Fülle des Lebens gehört. Rüegger zeigt einige Bausteine einer neuen Lebenskunst auf: Bejahung der Vergänglichkeit, Intensivierung des Lebens aus der Gewissheit der Begrenztheit, Stärkung der Leidensbereitschaft und der Leidensbewältigung mitten im Leben, Begegnungen mit dem Tod, Einüben der Hoffnung über den Tod hinaus. Es sind dies praktische und einfache Überlegungen, die davon leben, dass der Tod nicht erst am Ende dräut, sondern schon immer gegenwärtig ist, weil er des Lebens bester Freund ist. Rüeggers Gedanken eröffnen neue Horizonte und versuchen, dem Tod den Schrecken zu nehmen, indem sie ihn dem Leben einverleiben. Rüeggers Theologie ist denn auch ganz geprägt von der Bejahung der Geschöpflichkeit und dem bewussten Verstehenlernen der Fragmenthaftigkeit des Lebens. An ihre Grenzen stösst diese Theologie allenfalls dort, wo sie den Aspekt der Schuld und ihrer Verknüpfung mit dem Tod ganz preisgeben zu müssen glaubt, um das Schreckhafte des Todes zu umgehen. Das aber will nicht recht gelingen, denn dem Tod bleibt so oder so ein gewisser Schrecken haften. Und die Frage der Schuld lässt sich nicht einfach wegdiskutieren, und sei es nur schon in Hinblick auf die Frage, was aus der Schuld, die wir im Laufe des Lebens zusammentragen, nach dem Tode wird. Hier scheint mir Rüegger etwas über das Ziel zu schiessen und das Unberechenbare und Erschreckende, das dem Tode auch dann noch eignet, wenn er ganz zum Leben gehört, unnötig zu verharmlosen. Das Buch verarbeitet sehr viel Literatur und bleibt doch persönlich; es orientiert sich an der gegenwärtigen Fachdiskussion und ist dennoch für ein breites Publikum gedacht. Die Lektüre führt gut verständlich in die Fragestellung ein und stellt nicht nur wichtige Fragen, sondern bietet auch Antworten. Es ist mit Gewinn zu lesen und darum sehr empfehlenswert.