Calvin-Lesebuch

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Publisher: Neukirchener (2009)
Binding: Broschiert, 192 pages

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Ein Calvin-Lesebuch – gelungene Fragmentarität

Dennoch weiss man wenig über Calvin: Er wirkte in Genf, lebte streng und vertrat die doppelte Prädestination. Und seit Ernst Blochs epochaler Fehlinterpretation gilt er auch noch als Vater einer „protestantischen Arbeitsethik“, dergemäss nur der ein guter Mensch und Christ ist, der sich durch strengste Arbeitshaltung und Pflichterfüllung auszeichnet.Aber all das stimmt so natürlich nicht, denn was wir über Calvin zu wissen vermeinen, entpuppt sich schnell als Phantomwissen. Calvin war sicherlich ein strenger und ernster Mann, aber das ist längst nicht alles.Matthias Freudenberg und Georg Plasger, beide Professoren für systematische Theologie in Deutschland, machen dies in ihrem „Calvin-Lesebuch“ nur allzu deutlich. Es ist nicht ihr Ziel, systematisch alle Aspekte seines Denkens und Wirkens aufzuzeigen, denn zu immens ist sein Schaffen, als dass es so einfach dargestellt werden könnte.Es geht ihnen vielmehr darum, Fenster zu öffnen und Einblicke zu gewähren, auch wenn diese immer fragmentarisch bleiben werden. Aber gerade dies zeichnet das Buch aus: Es ist nicht Biographie, nicht Monographie, sondern einfach Lesebuch, das man zur Hand nehmen und auch wieder aus der Hand legen kann, je nach Lust und Laune. Und doch ergibt die Lektüre ein grosses Ganzes, das das Bild von Calvin radikal verändert. Aufgebaut ist das Lesebuch wie eine Dogmatik: Gotteserkenntnis – Christologie – Pneumatologie – Rechtfertigung – Erwählung – Ekklesiologie – vita spiritualis uswusf. Aber weil nicht systematisch abgehandelt, sondern eklektisch dargeboten wird, bleibt die Lektüre auch für Nichtfachleute interessant und spannend.Denn es werden jeweils kurze Texte zitiert, die ganz verschiedenen Anlässen entstammen: Briefe, Vorträge, Predigten, Dogmatik. Eine solche Mischung ist zwar etwas unorthodox und verwirrt allenfalls zu Beginn, weil man sich mit jedem neuen Text auf eine neue Situation einlassen muss, aber sie zeigt den ganzen Menschen Calvin, der tätig mitten im Leben steht und seine Aufgaben mit grösster Hingabe wahrnimmt. Das Lesebuch weist auf viele persönliche Seiten hin, indem es etwa einen Brief zitiert, in dem Calvin einen Arbeitstag beschreibt (Besuche, Predigtvorbereitung, Korrekturlesen der Manuskripte) oder einen Bericht über seine Sterbeseelsorge wiedergibt. Und plötzlich steht Calvin beinahe lebendig vor dem Leser!Schwierigere Themen wie die Lehre der Prädestination werden nicht ausgeblendet, aber anhand guter Textauswahl in den richtigen Zusammenhang gestellt. Es zeigt sich, dass Calvin mit Nichten der Vater einer grausamen doppelten Prädestination ist, sondern seine Gedanken als Reaktion auf die Frage der Heilsrelevanz guter Werke formuliert.Dass das letzte Kapitel mit „Seelsorge, Humor und Lebensgenuss“ überschrieben ist und etwa Calvins Umgang mit notorischen Betrügern beleuchtet (denen er trotz eigener Finanznot nota bene sehr liebevoll und fürsorglich begegnet), runden das Buch ab und machen es zu einer gelungenen Einführung für Einsteiger oder Vertiefung für Fortgeschrittene. Es ist den beiden Autoren hoch anzurechnen, dass sie sich dem Wagnis eines solchen Lesebuches gestellt haben, denn bei den Tausenden von Seiten, die Calvin geschrieben hat, und bei den Myriaden von Fragestellungen, Bio- und Monographien über ihn, sein Wirken und Denken, ist es mit Sicherheit äusserst schwierig, die richtige Auswahl zu treffen und sich ihrer Fragmentarität zu stellen.Die Autoren verzichten bewusst auf eine Kurzdarstellung von Leben und Werk als Einleitung, sondern begnügen sich damit, jeweils zum Kapitelanfang das Thema in den richtigen Zusammenhang zu stellen und mit ein paar wenigen Worten zu umschreiben. Hier wäre der interessierte Leserallenfalls dankbar für ein paar Worte mehr – oder auch für eine kleine Biographie, um die Themen und Schriften noch genauer einordnenzu können. Wenn es ist diesem gelungenen Buch etwas zu kritisieren gibt, dann dies. Ansonsten: In jeglicher Hinsicht empfehlenswert!