Theologische Hitparade
Seit gut 2000 Jahren gibt es christliche Theologie, und im Gegensatz etwa zur Naturwissenschaft sind die Erkenntnisse der Alten noch längst nicht überholt, sondern im Gegenteil nach wie vor bedenkenswert. Von dieser Aktualität durch die Jahrhunderte handelt der "Kanon der Theologie". 45 Bücher von 45 Autoren aus 20 Jahrhunderten stellt das Werk vor und kann mit Fug und Recht behaupten, einen Kanonen zusammengestellt zu haben. Denn es reiht sich ein illustrer Name an den anderen, und ohne Zweifel hat Christian Danz als Herausgeber mit sicherer Hand nicht irgend ein, sondern jeweils das Hauptwerk des fraglichen Theologen ausgewählt: „adversus haereses“ von Irenäus von Lyon, „de principiis“ von Origenes, die „confessiones“ von Augustin, die „Theodramatik“ von Hans Urs von Balthasar, den „Grundkurs des Glaubens“ von Karl Rahner, die „kirchliche Dogmatik“ von Karl Bart, die „Theologie des Neuen Testaments“ von Rudolf Bultmann und sehr, sehr vieles mehr. Es entwickelt sich so vor unseren Augen ein theologisches Panoptikum erster Güte, und man erblasst beinahe in Anbetracht solch dichtester Gelehrsamkeit. Jedes Jahrhundert weist ihre spezifischen Fragestellungen auf (Ontologie, Kosmogonie, Erkenntnistheorie, Apologetik und scholastische Beweisführung, Mystik, Dialektik, Eschatologie, Klassenkampf uvam.) und findet dafür die entsprechenden Antworten. Und dem Leser stellt sich unweigerlich die Frage: Was man doch alles wissen könnte, sollte, müsste... Ökumenische Ausrichtung Die Liste der ausgewählten Bücher ist dreigeteilt: Patristik und Mittelalter (als die Kirche noch eins war), und seit der Reformation eine Zweiteilung in protestantische Literatur und katholische. Dabei wird es für den Leser jedweder Provenienz interessant sein, bei "den anderen" genauer hinzusehen, denn so bekannt die eigenen Exponenten sind, so wird man mit einem gewissen Schrecken feststellen, dass man viele „der anderen“ nicht einmal dem Namen nach kennt. Das ist etwas verwirrend, aber auch horizonterweiternd! Es war für den Herausgeber sicherlich nicht einfach, den beiden Konfessionen in allem gerecht zu werden, aber gerade diese ökumenische Ausrichtung macht einen Grossteil des Reizes aus, den das Buch hat, und dafür ist Christian Danz zu danken. Klare Strukturen, komplexe Inhalt Die einzelnen Artikel sind klar und immer ähnlich aufgebaut: Historische und ideengeschichtliche Einordnung, inhaltliche Besprechung, kritische Würdigung und Rezeptionsgeschichte, gefolgt von Quellen- und Literaturangeben. Die einzelnen Artikeln sind von verschiedenen AutorInnen verfasst und im Schnitt 6-8 Seiten lang, was zwar angenehm zu lesen ist, weil es nicht stundenlange Konzentration erfordert, zugleich aber auch etwas problematisch, da es in den meisten Fällen beinahe unmöglich ist, theologische Spitzenliteratur von mehreren Hundert Seiten (und im Falle Barths mehrerer Tausend!) auf so knappem Raum verständlich darzustellen. Dementsprechend komplex fallen die Artikel aus und verlangen trotz oder eben gerade wegen ihrer Kürze intensivste Konzentration. Kein Buch für Laien – aber ein berauschendes für Kenner Es entsteht ein ungemein lehrreiches, interessantes, tiefgründiges Buch über das Wesen und Denken christlicher Theologie seit ihrer Entstehung, aber es ist kein Buch für Laien. Allein schon die Diktion erfordert ein gewisses Sachwissen, und der Inhalt ist ohne Vorwissen nicht verständlich. Wer mit den grundlegenden Fragestellung der Theologie und den grossen Linien ihrer Beantwortung nicht vertraut ist, wird sich im Dschungel dieses Kanons heillos verirren. Wer davon jedoch eine gewisse Ahnung und ein grosses Interesse daran hat, der wird sich an der Wissensfülle berauschen!
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