Wenn das „Warum“ fehlt...

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Musste Jesus für uns sterben?: Deutungen des Todes Jesu
Helmut Fischer
EUR 9,80

Der Tod Jesu ist ein Thema, das nie letztgültig erklärt oder besprochen ist, was sich nicht zuletzt an der Flut immer neuer Bücher dazu zeigt. Auch Helmut Fischer reiht sich in die Autorenliste mit dem etwas überraschenden Titel „Musste Jesus für uns sterben?“

 



In einem ersten Teil stellt er geschickt und kompetent im Überblick die historischen, hermeneutischen und juristischen Voraussetzungen der Zeit Jesu dar, die zu den klassischen Deutungen seines Todes geführt haben.

Diese (Gottesknecht, Passalamm, Sühne, Mitsterben, Lösegeld) stellt er in einem zweiten Teil kurz dar, wobei er das Hauptgewicht auf die Sühnevorstellung legt, da diese seiner Meinung nach alle anderen dominiere und inhaltlich bestimme. Dies aber sei eine Fehlentwicklung vor allem aus dem Mittelalter, das anhand germanischer Vorstellungen Opfer- und Rechtstraditionen auf den Tod Jesu übertrage.

Da für unsere Gegenwart die Sühnevorstellung keine Plausibilität mehr habe, gelte es nun, eine neue, Jesus und dem biblischen Zeugnis adäquate Deutung zu suchen. Diese findet Fischer denn auch im johanneischen Zeugnis anhand der Inkarnationstheologie, die das Kommen Jesu als Offenbarung der Liebe Gottes interpretiert (Fusswaschung, Weinstock, guter Hirte etc.).

Ein letzter Teil fasst das Gesagte zusammen: „Das menschliche Heil hängt nicht exklusiv am Sterben Jesu ...“ (S.78), weil sein Tod gar nichts mit Gott und dessen Heilsplan zu tun hat, sondern nur damit, dass die Menschen die Liebe Gottes nicht aushalten und sie darum beseitigen, wie es das Johannesevangelium trefflich zeigt.

Und jetzt wird auch klar, wofür der seltsame Titel „Musste Jesus für uns sterben?“ steht: Nein, er musste nicht, es war einfach nur Pech, dass er ausgerechnet mit solchen Menschen zusammen war. Die Frage „warum?“ hat sich damit auch gleich erübrigt.

So einfach kann Theologie sein, wenn man denn nur will. Wahrer wird sie darum allerdings nicht, und das Buch von Fischer, so plausibel, stringent und simpel es scheint, steckt voller Fehlinterpretationen.

Es beginnt damit, dass er die neutestamentlichen Deutungen des Todes Jesu nur erklärt, nicht aber deutet (und das ist ein grosser Unterschied!), woraus sich dann auch die Fehlannahme ergibt, dass die Sühnevorstellung alle anderen Traditionen dominiere, denn die Tatsache, dass diese am häufigsten vorkommt, heisst nicht, dass sie auch am wichtigsten ist – offenbar war sie damals einfach am verständlichsten.

Und schliesslich gibt Fisch ausgerechnet der johanneischen Soteriologie den Vorzug, die bewusst mit der Tradition bricht, in sich aber nicht so lapidar ist, wie vom Autor dargestellt. Ginge man etwas behutsamer mit der Überlieferung um, würden solche Fehler nicht passieren.

Es ist nämlich immer ein Leichtes, dem allgemeinen Unverständnis aufzusitzen, alte Traditionen, die man offenbar wenig verstanden hat, zu demontieren und für die Heutigen für nichtig zu erklären, es ist aber ein Schweres, dem Vergangenen sorgfältig auf die Spur zu kommen und sein Deutungspotenzial für die Gegenwart auszuloten, ohne simpel schwarz-weiss zu malen.

Es ist zu bedauern, dass der Autor sich für den einfacheren Weg entschieden hat, es wäre, nach einem gelungenen Anfang, mehr zu erwarten gewesen.

Helmut Fischer: Musste Jesus für uns sterben?
Deutungen des Todes Jesu.

Theologischer Verlag Zürich 2008 - kartoniert - 78 Seiten
CHF 14.80
ISBN: 3290174697


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