Das Unservater im Licht seiner jüdischen Voraussetzungen

in
Das Vaterunser: im Licht seiner jüdischen Voraussetzungen
Eduard Lohse
EUR 24,00

Eduard Lohse ist der Doyen seiner Zunft und Meister seines Fachs: Professor für Neues Testament, lutherischer Landesbischof und Vorsitzender der EKD, des Verbundes aller lutherischer Kirchen Deutschlands.

 



Und nun, mit weit über 80 Jahren, erhält Lohse eine weitere Auszeichnung für sein Lebenswerk, den Dr. Leopold-Lucas-Preis 2007. Dieser Preis ist vom Sohn zum Andenken an den Vater gestiftet worden, einen verdienstreichen jüdischen Rabbi, der im Weltkrieg dem Holocaust zum Opfer gefallen ist.

Verliehen worden ist er bisher an herausragende Persönlichkeiten wie zB. Schalom Ben-Chorin, Eberhard Bethge, Karl Popper, Karl Rahner, Paul Ricoeur, Richard von Weizäcker, und nun also auch an Eduard Lohse.

Geehrt wird er für sein Lebenswerk in der Erforschung jüdisch-christlicher Religion, Kultur und Theologie. Schon früh hatte er sich damit zu beschäftigen begonnen, und das Thema blieb seine Leidenschaft bis ins hohe Alter.

Nicht zufällig handelt auch der Vortrag, den der Geehrte anlässlich der Preisverleihung hielt, von diesem Thema: „Das Unservater im Licht seiner jüdischen Voraussetzungen.“ Lohse ist ein Mann der alten Schule, der gewissenhafter Exegese und weiterführender Interpretation immer den Vorrang gibt gegenüber haarspaltenden Theorien oder sozialkritischen Analysen, die sich nur schlecht überprüfen lassen.

Und so hält er es auch in diesem Vortrag: Er geht dem Text, wie er im Neuen Testament von Matthäus und Lukas vorgegeben ist, Vers um Vers nach, orientiert sich an Paralleltexten aus dem Judentum und zieht daraus dezente, aber gekonnte Schlüsse.

Der Vortrag glänzt weniger durch neue und spektakuläre Ergebnisse, sondern durch seine solide Zusammenfassung des Forschungsstandes, seine pointierte Unterscheidung zwischen Wesentlichem und Unwesentlichem und die Genauigkeit der daraus gezogenen Folgerungen.

Lohse zeigt deutlich, wie das Unservater in vielen Bereichen traditionellen, zeitgenössischen jüdischen Gebeten ähnelt – genannt seien etwas das 18-Bitten-Gebet und das Qaddisch, mit dem der Gottesdienst in der Synagoge jeweils beendet wurde.

Obwohl es nicht möglich ist aufzuzeigen, inwiefern sich Jesus im Detail von diesen Gebeten, die er als Jude mit Sicherheit selbst kannte, inspirieren liess, so ist es trotzdem beeindruckend, wie Vorstellungen, Worte, Wendungen übernommen, verändert und neu interpretiert werden.

Lohse ist weit davon entfernt, das Unservater als bessere Zusammenfassung traditioneller Gebete zu bezeichnen, aber es gelingt ihm, Verwandtschaften aufzuzeigen. Auch das zentrale Gebet des Christentums ist nicht vom Himmel gefallen oder die geniale Leistung eines einzelnen, sondern ist aus einer jahrtausendalten Tradition erwachsen, und dies, so Lohse, wertet das Gebet nicht ab, sondern verleiht ihm seinerseits eine Geschichte, eine Heimat. Es dürfte wohl Lohses Verdienst sein, dass solche Erkenntnisse als Gewinn, und nicht als Bedrohung interpretiert werden können.

Das Unservater entstand also auf dem Boden jüdischer Gebete, weist aber darüber hinaus einen deutlichen christologischen Charakter auf: Die Anrede „Abba / Vater“ zB. ist in ihrer Intimität deutlich für das Selbstverständnis Jesu und seine Gottesbeziehung.

Des weiteren ist die Abwendung von der traditionellen Fokussierung auf das Volk Israel hin zu allen Menschen, die den Weg der Nachfolge Jesu auf sich nehmen, ein weiteres typisches Kennzeichen, gefolgt von einer stark eschatologischen Prägung nicht nur auf die Zeit, die kommen wird, sondern auch auf die Gegenwart („dein Reich komme“ und nicht: dein Reich möge in der Zukunft kommen“). Kürze und Konzentration des Unservaters erinnern zudem an die idR. auch sehr kurzen Gleichnisse Jesu und heben es so von den oft viel ausführlicheren Gebeten der jüdischen Tradition ab. S

olche und weitere Perlen eröffnet Lohse dem Leser in seiner einfachen, aber genauen Sprache. Es ist kein Vortrag für ein Fachpublikum und gerade darum auch für Laien verständlich.

In einem letzten Teil ist die Laudatio von Friedrich Schweitzer abgedruckt, die inhaltlich selbstredend dem Gesagten nichts hinzufügen kann, wohl aber den Hintergrund des Preises und der diesjährigen Preisverleihung beleuchtet.

So wird in kurzen Strichen das Leben von Leopold Lucas dargestellt, dem dieser Preis gewidmet ist, und etwas ausführlicher auch Leben und va. Werk von Eduard Lohse, dem Preisträger – eine gute Abrundung eines kurzen, aber inhaltlich äusserst wertvollen Büchleins.

Eduard Lohse: Das Vaterunser im Licht seiner jüdischen Voraussetzungen.

Hgb. von Friedrich Schweitzer, dt. und engl. (übersetzt von Shivaun Heath)
Mohr Siebeck GmbH & Co. 2008 - gebunden - 110 Seiten
CHF 43.50 (Online-Preis)



Teilen Sie Ihre Gedanken und Meinungen zu diesem Beitrag mit.