Wenn Archäologen die Bibel interpretieren und was dabei eben doch nicht zustande kommt

 

Eric H. Cline ist Professor für Archäologie in Washington und als solcher Experte seines Fachgebiets. Mehrere seiner Publikationen sind Standartwerke, und er scheut sich als Akademiker nicht, Bücher zu schreiben, die auch für den Laien verständlich sind. Im Theiss-Verlag ist nun die deutsche Übersetzung des auf Englisch bereits 2012 erschienen Buches „Warum die Arche nie gefunden wird – biblische Geschichten archäologisch entschlüsselt“ erschienen. Es ist ein Werk, das sich mehrere Aufgaben stellt, was es zum einen interessant macht, zum anderen aber schwer einzuordnen – und letztlich auch schwer zu verstehen.

 

In den USA scheint im Gegensatz etwa zu Europa Archäologie ein Volkssport zu sein, den jede und jeder ausüben darf. Das ist noch nicht das Problem, denn es beginnt erst dort, wo die Hobbygräber ohne viel Sachverstand mit grossartigen Funden prahlen, die einer wissenschaftlichen Überprüfung in keiner Weise standhalten. So sind der Garten Eden, die Arche Noah, Sodom und Gomorrah und die Bundeslade schon des öfteren entdeckt oder ausgegraben worden, und weil in Amerika alles immer etwas anders läuft als in der Alten Welt, finden solche reisserischen Behauptungen viel Anklang und nicht selten auch grosse Finanzen: Fernsehstationen und private Stiftungen reissen sich darum, dem Pseudoarchäologen die nächste Expedition zu bezahlen, um die zu erwartenden sensationellen Funde ebenso sensationell publizistisch auszuschlachten.

 

Man könnte diese Geschichtshysterie getrost der amerikanischen Eigenheit zuschreiben und sie belächeln, doch das wäre zu einfach. Denn den Gräbern geht es nicht nur um Geld und Öffentlichkeit, Grundlage ihrer „Forschung“ ist die Prämisse, dass die Bibel mit jedem Wort historische Fakten darstellt, die nur gefunden werden müssen, um die Richtigkeit der Schrift ihrerseits zu beweisen. Der klassische Zirkelschluss: Eine falsche Prämisse beweist sich anhand zweifelhafter Funde gleich selbst. Und wenn dann die Bibel historisch und archäologisch bewiesen ist, dann muss man sich auch nie mehr fragen, ob alle ihre Aussagen wörtlich zu verstehen sind, denn das sind sie – oder wer wollte einer Planke der Arche oder gar der Bundeslade widersprechen? Der biblische Fundamentalismus ist jetzt historisch begründet, und die Sau beisst sich in den eigenen Schwanz.

 

Cline, ein ausgewiesener Fachmann gerade auch der biblischen Archäologie, setzt sich zu Ziel, diese „Minderwissenschaft“, wie er sie nennt, in Schranken zu weisen, indem er die Filetstücke fundamentalistischer Graberei genauer untersucht und den pseudowissenschaftlichen Behauptungen den aktuellen Stand der Forschung entgegenstellt. So kommen fundierte Thesen neben himmelschreiende Behauptungen zu stehen, und der geneigte Leser kann sich selbst ein Bild der Lage machen. Für amerikanische Verhältnisse ist das ein wichtiger Schritt, denn auch hier wird beinahe schon prinzipiell nicht mehr zwischen Fakten, Thesen, Fake News und alternative facts unterschieden. Was im Fernsehen oder buntbedildert im Magazin erscheint, muss doch auch wahr sein. Europäer oder andere zumindest aufgeklärte Christinnen und Christen werden im Normalfall belustigt den Kopf ob so viel Naivität schütteln. Wer hat denn tatsächlich den Eindruck, man können eine Holzplanke der Arche finden?

 

Cline untersucht folgende Themenfelder: Garten Eden, Arche Noah, Sodom und Gomorrah, Mose und der Exodus, Jericho, Bundeslade und die verlorenen 10 Stämme Israels. Er geht die Sache historisch und archäologisch an, bestimmt die Möglichkeiten, wägt ab, vergleicht die Thesen und wagt eine Schlussfolgerung. Im Normalfall läuft es darauf hinaus, dass er sich eingestehen muss, dass weder genügend Funde gemacht wurden noch ausreichende textliche Grundlagen vorhanden sind, um eine eindeutige Aussage zu machen. Je weiter die Fragestellungen in die Vergangenheit reichen, desto schwieriger wird es: Weder vom Garten Eden noch von der Arche Noah kann mit Sicherheit gesagt werden, dass sie überhaupt existiert haben. Bei Mose, Josua und den Stämmen Israels ist die Faktenlage etwas besser, aber für eine genaue und eindeutige Aussage reicht es auch hier nicht, von einem wissenschaftlichen, historischen Beweis ganz zu schweigen.

 

Man kann es also nicht beweisen, und die Bibel lässt sich historisch nicht festnageln. Das ist der Ertrag von 300 Seiten mit vielen Details, Anekdoten, Thesen und Interpretationen. Glücklicherweise ist das ganze unterhaltend geschrieben, auch wenn die deutsche Übersetzung den Schwung der amerikanischen Diktion nicht allzu gut wiederzugeben vermag.

 

Aber wussten wir das alles nicht schon vorher? Hatten wir wirklich gehofft, die Arche Noah läge irgendwo auf einem Berg oder in einer Wüste vergraben? Das ist der Schwachpunkt der Untersuchung: Cline bekennt selbst, als Archäologe gehe er die biblischen Texte rein historisch an. Aber ist das ein legitimer Zugang? Und unterscheidet dieser sich wirklich so sehr vom pseudotheologisch-wissenschaftlichen Gefasel derer, die Cline ins Visier nimmt? Wäre es nicht bedeutend sinnvoller, gerade bei den Urgeschichten (Eden, Arche) zu fragen, um welche Art von Text es sich dabei handelt, und was mit einer solchen Textgattung ausgesagt werden will?

 

Die Geschichte des Garten Edens zum Beispiel ist ein Mythos, das heisst, eine Erzählung, die auf anschauliche und archetypische Weise komplexe Grundfragen menschlicher Existenz beantworten will. Wer bin ich? Woher komme ich? Wie funktionieren Beziehungen, wie nicht? Wie kommt das Böse in die Welt? Was hat das alles mit Gott zu tun? Solche und andere Fragen liegen der Paradiesgeschichte zugrunde, und mit Grundfiguren wie den ersten Menschen, sprechenden Tieren und einem Schöpfergott, der in der Abendkühle spazieren geht, wird eine Antwort gesucht. Die Einordnung der Textgattung hat nichts mit der Wahrheitsfrage zu tun, denn ein Mythos ist kein Märchen oder eine Lügenerzählung. Vielmehr transportiert er Wahrheit auf eine spezifische Weise, und so gelingt es ihm, komplexe Sachverhalte menschlicher Existenz anschaulich zur Sprache zu bringen.

 

Und dies bedeutet, dass sich dem, der die Texte richtig versteht, existentielle Wahrheit eröffnet, so dass er die vom Mythos gemalte Situation gar nicht erst nach historischer Plausibilität befragen muss. Natürlich wird die Arche nie gefunden, denn es hat sie gar nie gegeben. Aber es gibt die Erfahrung von Katastrophen und Rettung, es gibt die Frage nach der Sündhaftigkeit des Menschen und die Antwort des Schöpfers, es gibt die Suche nach einem richtigen und gerechten Leben. Davon lohnt es sich zu sprechen, danach soll gesucht werden. Die Planken der Arche werden besser dort belassen, wohin sie gehören: In die Welt des Mythos.

 

Cline ist sich bewusst, dass sich biblische Texte nicht über ein und denselben Leisten schlagen lassen, aber er lässt dies zu oft ausser Acht und gräbt zu häufig im Sand. So entsteht für den unkritischen Leser trotz allem die Vorstellung, dass man die Arche oder den Garten Eden eben doch finden könnte, wenn man nur lange genug danach gräbt. Damit wird letztlich demselben Fundamentalismus das Wort geredet, den Cline entwaffnen will. Wer historisch fragt, wird immer nur historische Antworten erhalten, wer die geistliche Wahrheit der Bibel erkunden will, muss sich auf einen geistlichen Weg machen. Dieser Weg ist zwar anstrengend und dauert eine Weile, aber man braucht dazu weder Spaten noch Schaufel. Ein offenes Hirn und ein offenes Herz genügen.

 

Fazit: Ein amüsant geschriebenes und unterhaltsam zu lesendes Buch für Interessierte an biblischer Archäologie, wer allerdings zu viele theologische Fragen mitbringt oder gar hermeneutische Klärungen sucht, wird auch trotz langen Grabungen in diesem Buch nicht fündig.

 

 

Eric H. Cline: Warum die Arche nie gefunden wird. Biblische Geschichten archäologisch entschlüsselt

 Gebundene Ausgabe mit 308 Seiten, deutsch, Erscheinungsdatum September 2016, Verlag Konrad Theiss, ISBN978-3-8062-3385-8, Preis SFr. 36.90, eBook SFr. 24.90

 

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